Polyneuropathie

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Einleitung: Was ist eine Polyneuropathie

Polyneuropathie

Die Polyneuropathie ist eine Störung des peripheren Nervensystems, also nicht des Gehirns, sondern der Nerven selber. Sie tritt relativ häufig auf. typisch sind Taubheitsgefühle, Kribbeln und eine Gangunsicherheit. Als Ursache gibt es eine Vielzahl von internen und externen Faktoren, also als Symptom von anderen Erkrankungen des Körpers oder als Symptom von Einflüsse von außen. Da man manche diese Faktoren ursächlich behandeln kann, bedarf es einer genauen Diagnostik. Kennt man die Ursache, kann man gegebenenfalls diese behandeln und somit die Symptomatik der Polyneuropathie in ihrem Fortschreiten bremsen oder sogar stoppen. Zur Abklärung bedarf es einer genauen neurologischen Diagnostik, welche neben Laboruntersuchung auch neurophysiologische Untersuchungen umfasst.

Eine Reihe von Symptomen führen die Erkrankten zuerst zum Orthopäden, daher muss dieser auch die relevanten Symptome erkennen und eventuell bestehenden orthopädischen Erkrankungen zuordnen können sowie unter Umständen auch die Neurologie als weiteres Fach hinzuziehen. Umgekehrt kann die Erkrankung auch weitere Störungen auf orthopädischem Gebiet hervorrufen, es bedarf also häufig einerfachübergreifenden Behandlung.

Häufigkeit und Arten der Polyneuropathie

Das periphere Nervensystem vermittelt einerseits motorische Impulse, welche die Muskeln aktivieren. Es vermittelt einerseits sensible Impulse, also Informationen von draußen oder innerhalb des Körpers zum Gehirn. Schließlich vermittelt ist auch autonom-vegetative Impulse, also die Regulation von unbewusst ablaufenden Prozessen im Körper wie z.B. die Durchblutung. Die periphere Neuropathie kann sich ihnen Störungen der Struktur und Funktion aller drei Qualitäten bemerkbar machen. Neben den gängigen Formen gibt es manche sehr seltene Polyneuropathiearten. Insgesamt betrifft diese Erkrankung laut Studien zwischen drei und acht Prozent der Bevölkerung und ist damit ausgesprochen häufig.

Nach der Verteilung der Störungen kann man in Mononeuropathien und Polyneuropathien unterscheiden. Bei der Mononeuropathie ist nur ein Nerv betroffen; bei Befall mehrerer Nerven spricht man von der Polyneuropathie. Hierbei muss es sich nicht ausschließlich um Nerven an den Armen und den Beinen handeln, es kann auch Nerven mit Versorgung des Rumpfes und auch die Hirnnerven betreffen.

Das klassische Störungsbild ist beidseitig und symmetrisch ausgeprägt, es betrifft zunächst die vom Rumpf entfernt gelegenen Körperteile (distale Polyneuropathie), hier meist als erstes Füße und Hände. Sehr viel seltener erstreckt sich die Erkrankung auf rumpfnahe Körperteile (proximale Polyneuropathie). Es kann aber auch zu gemischten Bildern kommen.

Man kann auch nach der Art der Schädigung unterscheiden. Die peripheren Nerven bestehen im Inneren aus den eigentlichen Nervenbahnen (Axon) und darum aus einer  schützenden Hülle,  der Myelinschicht. Als vergleichendes Bild kann man sich ein Stromkabel vorstellen, mit den Drähten im Inneren und der Gummiumwandlung drumrum.  Íst primär die Mielinschicht betroffen, so spricht man von einer demyelinisierenden Polyneuropathie. Ist dagegen primär die Nervenfasern selber betroffen, spricht man von einer axonalen Polyneuropathie.

Die Symptome der Polneuropathie sind sehr breit gefächert. In dieser Darstellung soll vor allem eine Übersicht über die gängigen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen gegeben werden.

Ursachen der Polyneuropathie

Bei einer Anzahl von Polyneuropathien kann man eine Ursache herausfindenund diese gegebenenfalls auch behandeln. Sehr häufig findet man die Polyneuropathie z.B. bei der Zuckerkrankheit, deswegen sollte der Blutzucker bestmöglich eingestellt sein. Eine weitere häufige Form begründet sich in Mangelsituation an bestimmten Vitaminen, welche man ausgleichen kann. Wichtig ist auch die Gruppe der Polyneuropathien durch Einflüsse von außen in Form von Medikamenten, Drogen und Giften. Hier muss man auch die Betroffenen genau diesbezüglich befragen. Die häufigste Ursache hierbei dürfte wohl der Alkohol sein.

Die häufigsten Ursachen einer Polyneuropathie:

  • Stoffwechselerkrankungen (Diabetes mellitus)
  • Gifte (Alkohol, Medikamente, Schwermetalle)
  • Autoimmunreaktionen
  • Tumorerkrankungen
  • Vitaminmangel (Vitamin B12, Vitamin B1 und Vitamin B6)

Diagnose, Symptome und Verlauf der Polyneuropathie

Grundlage der Diagnostik ist zunächst einmal die Erhebung der Vorgeschichte (Anamnese). Die Erkrankten kommen mit verschiedenen Beschwerden, die sich in einem unterschiedlichen Zeitfenster entwickelt haben. Neben den Fragen nach den oben genannten Erkrankungen und Einflüssen stellt sich die Frage nach dem Verlauf. Hierbei ist sehr vieles möglich, von akuten Formen mit Entwicklung binnen Tagen und Wochen über subakute Formen mit Entwicklung binnen Monaten bis hin zu chronischen Formen, bei welchen sich das Vollbild der Erkrankung in vielen Monaten bis hin zu Jahren entwickelt.

Nach der Art der Störung kann man grundsätzlich zwei Gruppen unterscheiden. Die eine Gruppe äußert sich in einer Überfunktion der Nerven in Form von Missempfindungen (Dysästhesien, Kribbelparästhesien, Schmerzen).

Die andere Gruppe zeigt eine Unterfunktion der Nerven mit den Zeichen einer Sensibilitätsminderung oder auch Zeichen von motorischen Funktionsstörungen (Lähmungen und Muskelatrophien = Verringerung der Muskelmasse). Problematisch sind vor allem Symptome wie Lähmungen der Muskulatur mit Atrophie der Muskeln, die von Krämpfen und unwillkürlichen Muskelbewegungen und -zuckungen (Faszikulationen und Myoklonien) begleitet werden.

Die Muskelschwäche macht sich bei den normalen Aktivitäten des täglichen Lebens bemerkbar, wenn etwa zwischen 50 und 80 Prozent der motorischen Fasern betroffen sind. Besonders unangenehm ist die Entwicklung der Taubheitsempfindungen (Hypästhesien), die unterschiedliche sensible Qualitäten wie zum Beispiel die Oberflächen- und die Tiefensensibilität betreffen können und sich auch auf die posturale Kontrolle (Stand und Gangsicherheit) auswirken.

Die ersten Probleme beim Stehen und Gehen zeigen sich vor allen Dingen beim Gehen in der Dunkelheit, wenn die visuelle Kontrolle, mit der der Erkrankte den Verlust der Propriozeption (Wahrnehmung der Körperbewegung) zu ersetzen versucht, wegfällt.

Ferner können unangenehme und schmerzhafte Parästhesien und Dysästhesien sowie auch der neuropathische Schmerz die Erkrankten deutlich beeinträchtigen. Manche Patienten geben an, dass sie sich fühlen, als ob sie auf heißen Kohlen laufen müssen. Die Erkrankten mit einer überwiegenden Störung der Propriozeption haben hingegen beim Gehen das Gefühl, auf einer Gummimatte zu gehen.

Sind autonome Nerven betroffen, leiden die Erkrankten auch teilweise unter Verstopfung oder Durchfällen, unter Impotenz und Inkontinenz sowie abnormer Schweißneigung und dem Gefühl einer zu schnellen Sättigung beim Essen. Ein weiteres Symptom ist ein Schwindel, der bei Veränderungen der Körperlage, zum Beispiel vom Sitzen zum Stehen, auftritt.

Nach der Patientenbefragung verschafft sich der Arzt bei der klinischen Untersuchung einen Überblick über die alltäglichen Aktivitäten des Patienten und eventuell auftretende Probleme. Außerdem werden die Muskelkraft und die Sensibilität sowie die Muskeleigenreflexe geprüft. Weitere Hinweise bietet die Betrachtung des Schriftbildes (vor allem im Verlauf) sowie feinmotorische Fertigkeiten wie Knöpfeschließen, Schlüssel greifen und Ähnliches. Daneben liefert die Untersuchung des Gangbildes wichtige Hinweise, auch auf eine mögliche erhöhte Sturzgefahr.

Neurophysiologische Diagnostik der Polyneuropathie

Die neurophysiologische Diagnostik ist notwendig einerseits zur Erkennung der Erkrankung, andererseits zur Erfassung des zeitlichen Verlaufes. Sie erfolgt in Form einer motorischen oder sensiblen Neurografie. Hierbei wird die Leitfähigkeit der peripheren Nerven beurteilt und in Ergänzung eine EMG-Diagnostik (Elektromyografie) durchgeführt. Diese Diagnostik kann zudem noch durch die Untersuchung der sogenannten somatosensibel evozierten Potenziale ergänzt werden. Nur selten ist es erforderlich, eine Nervenbiopsie vorzunehmen oder den Patienten einer Ultraschalluntersuchung oder weiteren bildgebenden Diagnostik zu unterziehen.

Therapie der Polyneuropathie

Sofern eine genaue Ursache bekannt ist, kann man die Erkrankungen teilweise auch behandeln. Als Beispiele kann man hier die bestmögliche Einstellung des Blutzuckers bei der Polyneuropathie bei Diabetes mellitus aufführen, bei der toxischen Polyneuropathie hängt der Verlauf davon ab, daß die Gifte nicht weiter auf den Körper einwirkenden, bei Vitaminmangel kann man dies medikamentös ersetzen. 

Bei Patienten mit einer akut entzündlichen Art der Neuropathie in Form einer Polyneuroradikulitis gibt es unter anderem die Möglichkeit einer Plasmapherese oder einer Immunglobulingabe. Falls eine entzündliche Ursache gefunden wird, können Virostatika oder Antibiotika angezeigt sein.

Falls keine behandelbare Ursache der Polyneuropathie gefunden werden kann, ist eine symptomatische Behandlung angezeigt, die vor allem in der Linderung des neuropathischen Schmerzes und der autonomen Dysregulation des Nervensystems besteht. Besonders wichtig ist auch eine rehabilitative Förderung der Patienten, die vor allem in den Bereichen der Psychotherapie und Ergotherapie erfolgen sollte. Hier wird ein gezieltes Training der Sensibilität, der feinmotorischen Funktionen sowie auch das Training der posturalen Kontrolle und des Gangbildes vorgenommen.

Überabeitete Version eines Artikels, erschienen auf orthinform

Um Beachtung der allgemeinen Hinweise wird gebeten.

Autoren Dr. Stephan Grüner, Prof. Dr.  Marcela Lippert-Grüner Köln www.dr-gruener.de

09.09.2020

Bildquellen
Titelbild: Urheber ID 46173, Quelle Pixabay
Bild 1:
commons wikimedia

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